Texte

Die Flut ist überwunden, die Stadt ist wieder sauber, der Alltag hat
sie wieder. So scheint es. Schäden jedoch werden bleiben. An Seele und
Psyche der Menschen, an ihrem Eigentum und Besitz. Auch die Geschichten werden bleiben.

Damit keine verlorengeht, damit niemand vergisst oder vergessen wird, gibt es “Horch, die Flut”:

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Vom Hochwasser zum Straßenfest – ein Lagebericht aus der Angerstraße

Sonntag, 02. Juni, 19.30 Uhr: Nach einem langen Spaziergang durch das bis dahin schon weitestgehend überflutete Passau kehren meine Mitbewohnerin und ich zurück in unsere WG in der Angerstraße und machen es uns zu dritt gemütlich vor dem Fernseher. „Bis hierhin ist das Hochwasser noch nie gekommen“, hat uns unser Vermieter versichert – eine halbe Stunde später schleppten wir zusammen mit unseren Nachbarn die ersten Sandsäcke. Die Atmosphäre war hektisch und angespannt, aber die Freude, über den Zusammenhalt unserer Straße war groß – die meisten kannten sich nicht, man lernte die Gesichter und die Geschichten dahinter kennen. Ich fragte noch einen Feuerwehrmann, wie hoch wir die Sandsäcke stapeln sollten. Als er sagte: „Bis zur Mitte der Fenster, aber das wird wohl nichts bringen“, lachte ich erst, aber bemerkte bald den Ernst in seiner Stimme. Hochwasser in der Angerstraße? Das kann doch nicht sein!

Am nächsten Morgen dann der Schock: als wir früh aufwachten, und direkt vor unseren Fenstern im 1. Stock die Donau plätscherte und eine Mülltonne vorbeitrieb, konnten wir es fast nicht glauben. Doch ein Blick in das überflutete Erdgeschoss bestätigte es uns noch einmal: Hochwasser in der Angerstraße – das Unmögliche war eingetroffen. Wir hängten ein Schild ans Fenster, tauschten uns mit unseren Nachbarn, die noch nicht nachts Hals über Kopf das Haus verlassen hatten, aus, und warteten. Abgeschlossen von Nachrichten stellten wir fest, dass das Wasser wohl bald den ersten Stock erreicht, und zogen mit unserem Hab und Gut in den 2. Stock um. Als Nachmittags die Rettungsboote kamen, und man uns eine Evakuierung anbot, sagten wir nicht nein – zusammen mit einer 5er WG im Haus neben uns, die durch den Garten in unsere Wohnung kletterten, ließen wir uns bereitwillig durch das Fenster aus unserer misslichen Lage befreien – nur um ein paar Sekunden später dank falsch verteiltem Gewicht samt Taschen und Rettungsmannschaft in der Donau zu versinken.

Doch trotz dieses schockierenden Ereignisses, einigen kaputten Elektrogeräten und einem zerstörten Erdgeschoss haben wir etwas viel wertvolleres gewonnen – neue Freunde! Eine Woche später fand nämlich in der Angerstraße auf einer Terrasse das erste offizielle Straßenfest statt. Bei Grillfleisch und Bier vertieften wir die durch die Flut neu entstandenen Kontakte und Freundschaften. Die Flut geht wieder – aber die Erfahrungen und das neue WIR-Gefühl bleiben uns!

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Ich bin in Ingolstadt geboren, im Donaumoos aufgewachsen,
in Neuburg an der Donau zur Schule gegangen und habe einige Zeit in Rosenheim gelebt.
Während meiner Lehrzeit arbeitete ich in einem Modehaus und ich erinnere mich noch
gut, wie wir alle tagelang mit Eimern schöpften um den Hochwasserschaden einzudämmen.
Und dass mein Vater öfters mal den Keller auspumpt ist auch fast normal.

Ich bin durch einen Zufall auf eure Aktion und die Ausstellung gestoßen und halte das für
eine sehr gute Sache.
Von der Flut war ich nicht selbst betroffen, möchte aber dennoch mit meiner Fähigkeit
zu gestalten einen Beitrag leisten. Ein Teil des Erlöses (50%) aus dem Verkauf des Shirts
und der Plakate soll einer sozialen Einrichtung (Kindergarten) zugutekommen.

Ich habe dem (Jahrhundert-)Hochwasser 2013 eine eigene Identität verpasst
und ein Shirt sowie ein Plakat zur Ausstellung „Horch, die Flut“ gestaltet.
Das Logo ist sehr reduziert; das H steht für Hochwasser und die beiden
hochgestellten Wellen eben für „hohes Wasser“ sowie für die Flüsse Donau und Inn.
Damit wollte ich visuell vom negativen Image der Flut Abstand nehmen und die Bürger
Passaus an das Miteinander, die positiven Erlebnisse und die Ausstellung erinnern.

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“wir sind genau im hochwassergebiet.
unser treppenhaus stand tagelang unter wasser, wir konnten nicht aus dem haus, auch als das wasser schon weg war, weil sich die türe nicht öffnen lies und keine helfer zur hand waren, die die türe hätten öffnen können.

der keller und die garage funktionieren immer noch nicht.

mein atelier ist immer noch komplett zerstört.

gott sei dank war das wasser nicht in unserer wohnung.”

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“Ich komme aus Aidenbach und hatte mich mit meinem Radlader beim Ordnungsamt Passau gemeldet, einen Tag später war ich dann auch schon im 30 km entfernten Passau im Einsatz. Ich habe vom Hausbesitzer über Studenten bis hin zu Feuerwehrleuten sehr viele kennen gelernt und bin bis heute noch im Kontakt.”

“Anfang Mai sitze ich in der Wohnung von Passauer Freunden in der Höllgasse beim Abendessen. Kurze Zeit später existiert diese Wohnung nicht mehr, leben meine Freunde in Notunterkünften, haben aber Glück, weil sie mittlerweile eine neue Bleibe gefunden haben.

Andere wissen nicht, wie es weitergeht.

Aus diesen Erfahrungen habe ich die Idee zu „Horch, die Flut“ entwickelt,
das ich nun zusammen mit der DB BahnPark realisiere.”

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“Ich war selber nicht betroffen, habe aber im ProLi vier Tage geholfen (neben dem Studium arbeite ich im Cineplex; dem Besitzer Herr Vesper gehört auch das ProLi). Sogar meine Mama fuhr von Zwiesel nach Passau, um an einem Tag zu helfen. ich war selber sehr gerührt, wie hilfsbereit viele Leute waren: Alle 15 Minuten kam ein Trupp junger, alter Leute, Studenten, Vereinen etc., die einfach mit ihrem eigenen Werkzeug reinmarschiert kamen und riefen: “Wo sollen wir helfen?” (Die Frage war eben nicht “ob”, sondern “wo/wie”!!!). Junge Leute kamen rein und haben jedem Wurstsemmeln, Lollis, Frischetücher etc. in die Hand gedrückt.

Ein Pfarrer brachte uns noch um 22 Uhr (!) Schnitzelsemmeln und Wasser! Auch passiert: Ein Mitstudent kam gerade vorbei und schaute rein und mein Freund sagte: “Nicht schauen, helfen! ;) ” und er kam rein und packte mit an, obwohl er in Freizeitkleidung und schönen Schuhen unterwegs war!

An einem Tag werkelten wir 10 Stunden im Schlamm und wir waren von den Haaren bis zu den Zehen verschwitzt und verdreckt. Da aber fast überall das Wasser abgestellt war, konnten wir uns schlecht daheim duschen und fuhren um Mitternacht zu einem Freund nach Österreich (zu sechst) und konnten bei ihm duschen (Fahrt mit Umleitung dauerte 2 Stunden).

Das ist jetzt alles, was mir einfällt zu der allgemeinen Hilfsbereitschaft, Güte und dem Zusammenhalt, den man sonst noch nirgends so stark in Passau oder sonst irgendwo gesehen hat. Ich habe als Kind bei Ausflügen nach Passau schon Hochwasser gesehen (auch das von 2002), aber es hat irgendwie keinen berührt. Dieses Jahr war die Not so groß und man sah die verzweifelten Gesichter (erkrankte Ladenbesitzer, die vor dem Nichts standen etc.), die Wucht des Wassers und die Hilflosigkeit der Betroffenen und trotzdem gab es helle Momente, eben durch die Studenten, durch die Helfer und durch den nicht versunkenen Humor!”

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“Ich arbeite Künstlerisch und wir leben erst seit April diesen Jahres in der Nähe von Passau.

Durch eine Bekannte bekamen wir die Kraft der Flut in allen Lagen mit.
Die Bekannte lebte in der Lederergasse in Passau in der Innstadt, dort
standen im ersten Stock noch über 1meter Wasser. Am Mittwoch nach der
Flut konnten wir Ihre Wohnung und das Wohnhaus anschauen. Die Bilder
sind uns noch allen immer im Kopf, totales ungläubiges Kopfschütteln. Das
nicht Wahrhaben können von dem was wir sahen.

Dann ging es aber Los mit dem “Aufräumen” Die Studenten kamen und wir haben
5 Tage Schlamm, Dreck, Wasser und Gerümpel aus dem Haus und dem Garten geräumt.
Im Nachgang hat mich das Thema sehr lange beschäftigt. Bis ich für mich in meiner Kunst eine Ausdrucksform dafür gefunden habe.

Ich habe die Skulpturengruppe “die Betroffenen” geschaffen. Ich drücke damit den ersten Moment aus der die Fassungslosigkeit der Betroffenen Menschen im Zwiegespräch zeigt.

Aber dann auch der Moment in der die Sprachlosigkeit geht und angepackt wird. In der Menschen sich in den Arm nehmen und sich Kraft geben für das Weitermachen.

ich wurde während dem Helfen oft gefragt, “Du bist doch nicht aus Passau sondern aus Neuburg am Inn, wieso hilfst du hier so”? Meine Antwort darauf ist, “Ich habe eine Idee wie ein Zusammenleben von Menschen für mich funktionieren soll. Da gibt es kein ich bin nicht betroffen, mir Egal etc. etc. In meiner Welt ist das Anpacken in solchen

Situationen einfach wichtig für die Gesselschaft” Außerdem ja, so Merkwürdig das klingt, war das Aufräumen mit den verschiedenen Menschen auch Schön und für uns sind tiefe Freundschaften und verbindungen endstanden.

Ich würde die Skulpturengruppe gerne der Ausstellung zur Verfügung stellen.”

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wassergebunden
stehst du mir in den Augen
läufst über und fließt

© Dieter Siebert

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